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Eine lebendige, urbane Umgebung hängt von der Zusammenarbeit mit Bürgern, Unternehmen und Hochschulen ab

Im Jahr 2017 stand Boston an einem Scheideweg in seiner Herangehensweise in der Planung und Entwicklung einer intelligenten Stadt. In den Jahren zuvor hatte man eine Reihe von Initiativen zur Rationalisierung der Abläufe mithilfe von Daten und Analysen eingeleitet, die einen erheblichen Nutzen gebracht hatten. Jetzt erkannten die Verantwortlichen die Möglichkeiten von Technologien zur Schaffung neuer und verbesserter Services für ihre Bürger.

Boston forderte Technologen, Wissenschaftler, Forscher, Journalisten und Smart-City-Aktivisten auf, Ideen für Technologien einzureichen, die die Bürger einbeziehen:

„Wir freuen uns, wenn Sie uns eine Technologie nennen, die wir intern nutzen können und die die Arbeit der Stadtverwaltung erleichtert“, heißt es im Boston Smart City Playbook. „Aber wir wären noch glücklicher, wenn sie die Probleme der Bürger löst.“

Weltweit mangelt es nicht an Smart-City-Initiativen, aber die bisherigen Ergebnisse überzeugen nicht. Nur sehr wenige nachhaltige, reproduzierbare Lösungen sind entstanden, die die Art und Weise verbessern, wie die Menschen mit ihrer Stadt als physischem oder sozialem Raum interagieren, oder das Leben in der Stadt grundlegend neu gestalten. Bostons Analyse der aktuellen Situation und die Aufforderung zur Mitarbeit waren vielleicht ein guter Anfang, um die Bemühungen auf die Menschen vor Ort auszurichten und ihnen neuen Schwung zu verleihen – ob nun die lokalen Geschäftsleute, die versuchen, mit der Digitalisierung Schritt zu halten, die Pendler, die mit dem Parkplatzangebot und der Infrastruktur hadern, die Einwohner, die sich Sorgen um eine unkontrollierte Entwicklungsdynamik, erschwingliche Mieten und Nachhaltigkeit machen, oder die Bürger, die sichere Straßen fordern. Doch die Verfechter der Smart-City-Bewegung innerhalb und außerhalb der Regierung haben festgestellt, dass hier und an anderen Stellen ein wichtiger Aspekt nicht berücksichtigt wurde: die Beteiligung von Millionen Menschen, die in der Stadt leben, arbeiten und ihre Freizeit verbringen.

So wie Unternehmen das Kundenerlebnis zukünftig in den Mittelpunkt ihres Handels stellen, müssen Städte zusammen mit ihren Bürgern ein gemeinschaftliches, interaktives und personalisiertes Stadterlebnis schaffen. „Unsere Bürger fordern, dass wir die neueste Technologie zu ihrem Nutzen einsetzen“, erklärt Harald Wouters, Berater und ehemaliger Senior-Stratege für Stadtentwicklung in 's-Hertogenbosch, einer kleinen Stadt in den Niederlanden. „Wenn wir uns nicht an den neuen digitalen Trend für Entwicklungen anpassen, werden die Behörden ihre Relevanz vollständig verlieren.“

Aber die Städte müssen einen proaktiven Ansatz verfolgen, um diese Zukunftsvision zu verwirklichen. Sie dürfen nicht darauf warten, dass die Bürger oder Unternehmen (insbesondere Technologieunternehmen) die Treiber für innovative Ideen sind. Genauso wie Unternehmen von der Lieferung von Endprodukten zur Bereitstellung offener Plattformen wechseln – über die Kunden Produkte und Dienstleistungen mitentwickeln und nutzen, auf relevante Daten zugreifen und direkt miteinander interagieren können, um eigene Werte zu schaffen –, benötigen Städte Plattformen, um Informationen (einschließlich Daten) von ihren Einwohnern zu sammeln und diese zur Mitgestaltung neuer Lebens-, Arbeits- und Geschäftsmodelle zu nutzen. Sie müssen eine Gegenleistung bieten, so wie es die Unternehmen für ihre Kunden tun, und Werte in Form von schnellerer Reaktionsfähigkeit, personalisierten Erlebnissen, Kundenorientierung und Vernetzung der Gemeinschaft schaffen.

Städte, die diese Veränderungen nicht umsetzen können, riskieren nicht nur, das Vertrauen der Bürger zu verlieren, sondern auch die potenziellen Vorteile der Transformation zu verpassen.

Die Menschen (und ihre Daten) verstehen

Eine intelligente Stadt ermittelt die Muster, die ihre Einwohner auf Reisen, bei der Arbeit, beim Einkaufen und in ihrer Freizeit erzeugen, und handelt entsprechend. Keine intelligente Stadt kann dies jedoch ohne Echtzeitdaten zu ihrer Infrastruktur, den Einwohnern und Aktivitäten erreichen. „Die Städte blühten in den letzten 200 Jahren stetig auf, weil sie Zugang zu einer großartigen Infrastruktur hatten – Wasserstraßen, Transportwege, Arbeitsplätze“, so Kirk Talbott, CIO der Metropolitan Atlanta Rapid Transit Authority und ehemaliger stellvertretender CIO und Executive Director von Smart City, City of Atlanta. „Die nächsten 100 Jahre werden vom Zugriff auf umfassende Informationen geprägt sein. Sie werden über Erfolg oder Misserfolg in der Zukunft mitentscheiden.“

 
Die Menschen fragen sich zum Beispiel, warum Google und Amazon anhand von Prognosemodellen vorschlagen können, was die Anwender schreiben oder kaufen möchten, die Kommunalverwaltung jedoch nicht proaktiv ein Schlagloch reparieren kann. „Die Städte sind gewachsen, ohne ihre Bürger ausreichend einzubeziehen“, erklärt Ivan Caballero, CEO von Citibeats, einem Unternehmen, das Städte bei der Entwicklung von mobilen Anwendungen und Plattformen für Bürgerbeteiligung und bürgerorientierte Analysen unterstützt. „Und jetzt fordern diese Bürger mehr Einbeziehung.“
 
Mehr Einbeziehung bedeutet nach Ansicht von Caballero und anderen Smart-City-Befürwortern, ein Umfeld zu entwickeln, das die Bürger mit Daten zu ihrem Vorteil gestalten können. Sei es, dass sie aktiv ihre Meinung zu Plänen für die Entwicklung eines neuen Stadtviertels äußern oder passiv ihre Fahrzeugstandortdaten der Stadt für die Verwaltung von Ampelanlagen zur Verfügung stellen. Eine Umfrage unter mehr als 6.000 Bürgern aus Australien, Frankreich, Deutschland, Singapur, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten von Amerika ergab, dass eine deutliche Mehrheit eine digitale Bereitstellung von Dienstleistungen der öffentlichen Verwaltung, eine stärkere Personalisierung sowie einfachere und sicherere Möglichkeiten für die gemeinsame Nutzung und den Zugriff auf Daten wünscht. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass die Bürger durchaus gewillt sind, einen Beitrag zur Digitalisierung zu leisten. So gaben beispielsweise 42 % der Befragten an, dass sie bereitwillig über IoT-Geräte (Internet of Things) persönliche Daten im Austausch gegen Preisnachlässe oder Serviceverbesserungen weitergeben würden, und 45 % waren bereit, sich an Fokusgruppen oder Ausschüssen zu beteiligen, um einen von ihnen genutzten Dienst zu verbessern.
 
In den meisten Fällen haben die Städte ihre Bürger jedoch nicht in die Smart-City-Initiativen einbezogen. „Die wesentliche Rolle der Bürger bei der Entwicklung intelligenter Städte wurde noch nicht ausreichend untersucht“, schrieb ein Forscherteam 2018 in der Zeitschrift Business & Information Systems Engineering. Es erklärte außerdem, dass intelligente Städte ihre Ziele nicht erreichen, weil sie ihre Bürger nicht angemessen einbeziehen oder die Auswirkungen der Initiativen auf die Bürger nicht berücksichtigen.
Es gibt jedoch einige Smart-City-Projekte, die darauf abzielen, wie die Bürger mithilfe neuer Technologien wie virtueller Realität (VR) und künstlicher Intelligenz (KI) sowie einer Vielzahl an innovativen Datenquellen einbezogen werden können:
  • In den Niederlanden schreibt ein neues Gesetz vor, dass die Bürger bereits in den frühen Phasen der Stadtentwicklung einbezogen werden müssen. Auf der Website der niederländischen Regierung wird ein Konzept erläutert, das sich „Do-Okratie“ nennt. Es geht davon aus, dass die Bürger „einheitliche Standardlösungen“ ablehnen und sich „mitdenkende Behörden“ wünschen. In 's-Hertogenbosch experimentierte Wouters' Team mit dem Ansatz für Mixed Reality. „Wenn wir Windenergieanlagen oder ein neues Hochhaus entwickeln, versuchen wir Wege zu finden, den Anwohnern zu zeigen, wie es aussehen könnte, damit wir ihre Bedürfnisse und Sorgen besser verstehen können“, erklärt er. „Sie können virtuell durch die Nachbarschaft laufen oder mit dem Fahrrad durch das neue Viertel fahren, um die Veränderungen zu erleben“, und die Stadt sammelt Feedback aus Umfragen oder persönlichen Treffen.
  • Citibeats hat mit Gemeinden auf der ganzen Welt zusammengearbeitet, um die Wünsche der Bürger besser zu verstehen und sie aktiver in Lösungen einzubinden. Die Plattform des Unternehmens nutzt KI für die Analyse von Texten aus verschiedenen Quellen, einschließlich sozialer Medien, Abschriften von öffentlichen Beratungsstellen oder Anhörungen und Chatbots, um die größten Bedenken der Anwohner zu ermitteln, zu kategorisieren und zusammenzufassen. Im Jahr 2017 identifizierte die Citibeats-Plattform in Barcelona, Spanien, Mobilität als ein Top-Thema. Daraufhin entwickelte das Unternehmen eine App, mit der die Bürger an einer Lösung mitwirken können. Die App informiert die Nutzer, ob es auf der von ihnen gewählten Route zu einem Stau kommt, navigiert sie zum besten öffentlichen Verkehrsmittel anstatt zu einem Taxi und belohnt sie mit Punkten, die sie bei lokalen Unternehmen einlösen können. Die Prämie orientiert sich daran, wie viel sie dazu beigetragen haben, das Problem zu reduzieren (je länger der Stau, desto mehr Punkte erhalten die Nutzer für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel).
  • In Neuseeland haben die Stadtverwaltungen von Christchurch, Auckland und Wellington untereinander sowie mit Partnerunternehmen in der ganzen Welt Daten und Forschungsergebnisse ausgetauscht, um eine Reihe von bürgerorientierten Projekten zu erproben und umzusetzen. Christchurch hat die Bereitstellung seiner 46 Services verändert und stellt den 380.000 Einwohnern eine Auswahl an Optionen, einschließlich Apps und Websites, für die Interaktion mit der Stadt zur Verfügung. Auckland hat Sensoren installiert, um den Zustand von Freizeitgewässern zu überwachen, und übermittelt den Bürgern Sicherheitswarnungen und Informationen zur Wasserqualität in Echtzeit sowie Echtzeitdaten zu öffentlichen Verkehrsmitteln und Staus. Wellington hat eine VR-Version der Hauptstadt umgesetzt, mit der die Menschen anhand von Stadtdaten interagieren können, um die Probleme der Stadt und Ideen für ihre Zukunft zu verstehen.
  • Medellín in Kolumbien mag zwar bei der Anzahl seiner Smart-City-Projekte hinter einigen anderen lateinamerikanischen Städten zurückliegen, dafür ist aber laut eines Berichts des McKinsey Global Institute vom Juni 2018 die Akzeptanz seiner Projekte unter den Bürgern hoch. Zusammen mit der Regierung, lokalen Hochschulen und sozialen Organisationen arbeitet Medellín Ciudad Inteligente daran, den Open-Data-Ansatz sowie Governance-Transparenz, die Bürgerbeteiligung, Innovationen und die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Bürgern und Gemeinden zu fördern. Die Stadt konzentriert sich auf die Neugestaltung der Stadt anhand des Bottom-up-Prinzips und nutzt Crowdsourcing, um Bürger aus den schwächsten Vierteln der Stadt in Transformationsprojekte einzubinden, wie z. B. den Bau einer Seilbahn, den Einbau von Rolltreppen und die Gestaltung technologiegestützter Schulen und Bibliotheken. Über das MiMedellin-Portal können Bürger ihr Feedback geben und für Lösungen zu vielen Problemen abstimmen, inklusive Luftqualität und Nahverkehr.
 
Seoul in Südkorea gehört zu den Großstädten, die bei der Nutzung von Technologie zur Bürgerbeteiligung bei der Festlegung kommunaler Prioritäten eine Vorreiterrolle einnehmen. Die südkoreanische Hauptstadt arbeitet mit der Smartphone-App mVoting. Mit ihr können die Nutzer Vorschläge aus der lokalen Politik (durchsuchbar nach Region oder Beliebtheit), wie z. B. Verbesserungen in öffentlichen Bibliotheken, neue Buslinien, Anti-Raucher-Richtlinien oder Schullehrpläne, überprüfen, eigene Vorschläge einreichen und für diejenigen stimmen, die sie gerne umgesetzt sehen würden. Obwohl es sich hierbei nicht um ein offizielles Abstimmungsinstrument handelt, beeinflusst dieses Projekt die Entscheidungen der Behörden. Es wurden bereits einige hundert Vorschläge umgesetzt.
 
Laut Bettina Tratz-Ryan, Vice President von Gartner Research, entwickelt sich Seoul mit seinem gemeindeorientierten Bottom-up-Ansatz, der die Bewohner in die Gestaltung und Entwicklung der Stadt mit einbezieht, zu einem Vorzeigemodell für andere intelligente Städte, da die Entwicklung nicht anhand eines Top-down-Ansatzes über Technologie oder Infrastruktur gesteuert wird. Häufig „werden die Bürger jedoch eher als Nutzer, Tester oder Verbraucher und nicht als Hersteller und Quellen für Kreativität und Innovation betrachtet“, zeigt eine Untersuchung von Ignasi Capdevila von der Paris School of Business und Matias I. Zarlenga von der Universität von Barcelona im Journal of Strategy and Management.
 
Ein Grund dafür ist, dass die erste Welle der digitalen Innovation in den Städten oft von der Privatwirtschaft, die eigene Rentabilitätsziele verfolgt, angeführt wurde. Große Technologieunternehmen, Start-ups und Forscher haben versucht, sich Wettbewerbsvorteile auf dem Markt für intelligente Städte zu verschaffen. Indes haben die Städte keine optimale Arbeit geleistet, da sie die Initiativen nicht zu ihrem eigenen Vorteil genutzt oder keine klare Strategien für ihre Zukunft entwickelt haben.
 
Darüber hinaus lösen die Einzelprojekte auch nur einzelne Probleme und konzentrieren sich nicht auf die komplette Neugestaltung der Städte.
 
Zwischenzeitlich haben einige Smart-City-Initiativen für Protestaktionen gesorgt, weil sie die Bedenken der Bürger hinsichtlich des Datenschutzes und der Nutzung ihrer Daten nicht berücksichtigt haben. Beispielsweise starteten die Einwohner Torontos in Reaktion auf Fragen nach personenbezogenen Daten eine Onlinekampagne, die das Quayside-Projekt –ein Plan für eine intelligente Stadt am Ufer des Lake Ontario im Auftrag von Sidewalk Labs, einer Einheit von Alphabet, der Muttergesellschaft von Google – gestoppt hat.
 
Ähnliche Bedenken haben einige Gemeinden dazu veranlasst, digitale Rechte für Bürger zu formulieren. Im Juni 2018 leitete die stellvertretende Amsterdamer Bürgermeisterin Touria Meliani die Entwicklung eines politischen Rahmens für die digitale Stadt an. Hierbei geht es um die Definition von Werten und Normen für die digitale Infrastruktur der Stadt, wie etwa hinsichtlich der Nutzung von Sensoren und Daten im öffentlichen Raum der Stadt. Diese Prinzipien befassen sich mit der Erfassung, der Verfügbarkeit und dem Schutz von Daten sowie dem Verbot von WiFi-Tracking. Sie basieren auf einem Manifest, das vom Amsterdam Economic Board in Zusammenarbeit mit den Einwohnern entwickelt wurde und in dem Transparenz, Rechenschaftspflicht und Ethik für die Datenerfassung und ‑nutzung in einer intelligenten Stadt gefordert werden. Amsterdam leistet auch bei anderen Lösungen Pionierarbeit, die die Stadt und Technologieanbieter bei der Nutzung von Daten in die Verantwortung nehmen, wie z. B. durch die Umsetzung neutraler Prüfungen, um sicherzustellen, dass die Algorithmen für das maschinelle Lernen nicht nur auf bestimmte Gebiete oder Probleme abzielen.
 
Bürger werden häufig jedoch eher als Nutzer, Tester oder Verbraucher und nicht als Hersteller und Quellen für Kreativität und Innovation betrachtet.
Ignasi Capdevila, Paris School of Business, und Matias I. Zarlenga, Universität von Barcelona, Journal of Strategy and Management

Die Stadt als Plattform

Einzelne Projekte, die darauf abzielen, die Bedürfnisse der Bürger besser zu verstehen und sie an der Lösungsfindung zu beteiligen, sind ein Anfang. Letztendlich müssen die Städte jedoch umfassendere Ziele definieren und Plattformen bereitstellen, über die die Bürger ihre Stadt mitgestalten können.

In der Privatwirtschaft schaffen Unternehmen offene Plattformen für ihre Kunden, sodass diese direkt zum Design, zur Produktion oder zur Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen beitragen können – oder sich lediglich damit einverstanden erklären, dass die Unternehmen ihre Daten nutzen, um Produkte und Dienstleistungen für sie zu entwickeln und bereitzustellen. Das Geschäftsmodell für Plattformen erzeugt Mehrwert, indem es den Austausch zwischen zwei oder mehreren Gruppen, normalerweise Hersteller und Verbraucher, unterstützt. Die Plattform bietet eine Struktur, Standards und Protokolle, die ein Netzwerk dieser Interaktionen in großem Maßstab ermöglichen. Im Fitnessbereich stellen beispielsweise Unternehmen Plattformen für die Entwicklung von Apps bereit. Sie ermöglichen es den Nutzern, sich durch Daten wie persönliche Bestzeiten, von der Crowd empfohlene Strecken und „Top of the Heap“-Wettbewerbe verbunden zu fühlen. In einigen Fällen schließen sich Kunden zusammen und werden selbst aktiv, gründen beispielsweise digitale Communitys, um Lösungen anzubieten.

Für Städte stellen sich die Befürworter Netzwerke vor, über die Bürger, Unternehmen, Forscher an Hochschulen und andere Stakeholder gemeinsam an der Lösung städtischer Probleme arbeiten können. TM Forum, eine Arbeitsgemeinschaft für Telekommunikationsunternehmen, beschreibt das Konzept in seinem City-as-a-Platform-Manifest (Die Stadt als Plattform) als einen „gemeinsamen Rahmen für die Zusammenarbeit zwischen Einwohnern, öffentlicher Verwaltung und Privatwirtschaft, um das gewünschte Ergebnis von Nachhaltigkeit, Inklusion und gezielter Innovation zum Vorteil der Städte und ihrer Einwohner voranzutreiben.“ Durch die Anpassung der Prinzipien kommerzieller Plattformen an das urbane Umfeld können Städte zu Innovationszentren werden, in denen Ideen zur Bewältigung der Herausforderungen des Lebens in der Stadt und zur Verbesserung der Lebensqualität entstehen.

Tampere in Finnland erstellt beispielsweise Plattformen für ausgewählte Themen (aktuell Gesundheit und Wohlbefinden, Kundendienst, Sicherheit und Gefahrenabwehr sowie intelligente Mobilität), um eine Grundlage für Unternehmen, Hochschulen und andere Stakeholder zu schaffen, auf der sie mit digitalen Lösungen für die Stadt und ihre Einwohner experimentieren können. Die Plattformen verfolgen verschiedene in der Privatwirtschaft übliche Ansätze für die gemeinsame Entwicklung, darunter agile Entwicklung und agiles Projektmanagement, Hackathons und einen offenen Innovationsansatz, der es Unternehmen, Forschern an Hochschulen und der Stadtverwaltung ermöglicht, gemeinsam ein IoT-Modell für die Zukunft zu definieren (siehe „Die Straßen von Chicago als Innovationszentren“).

Eine der Plattformen stellt ein digitales, auf offenen Daten basierendes 3-D-Modell von Tampere zur Verfügung, auf das Unternehmen und Einwohner zugreifen können. Es dient der Visualisierung von Stadtentwicklungen, wie z. B. der neuen Straßenbahnlinie oder eines geplanten Stadtviertels am Seeufer Hiedanranta. „Jeder Nutzer kann sich die Entwicklungen anschauen, die für seine eigene Nachbarschaft oder seinen Arbeitsplatz relevant sind“, erklärt ein Mitarbeiter der Stadt. „Das erleichtert es den Bürgern, sich in die Stadtplanung einzubringen.“ Tampere hat auch eine (in sein Straßenbeleuchtungsnetz integrierte) IoT-Plattform geschaffen, die mit anderen Sensoren oder Anwendungen verknüpft werden kann und es Unternehmen und Forschern erleichtert, neue Projekte oder Produkte zu testen.

 

Die Straßen von Chicago als Innovationszentren

Mit dem City-as-a-Platform-Ansatz kann man eine beliebige Anzahl von städtischen Problemen verstärkt bürgerorientiert angehen. „Es gibt nicht viele Orte, die sich dafür eignen, neue und potenziell verrückte Ideen für die Infrastruktur der Stadt auszuprobieren“, sagt Charlie Catlett, Senior Computer Scientist am Argonne National Laboratory des US-amerikanischen Energieministeriums und Senior Fellow am Mansueto Institute for Urban Innovation der Universität von Chicago. „Als wir uns mit der Stadtverwaltung über die Herausforderungen, mit denen die Stadt konfrontiert ist, ausgetauscht haben, wurde uns klar, dass eine flexible, programmierbare Messfunktion eine entscheidende Rolle spielen würde.“

Lernen Sie das Array of Things (AoT) von Chicago kennen. Einige bezeichnen das von Catlett geleitete Projekt als Fitnesstracker für die Stadt. Sensoren sammeln Daten zu Licht, Luft, Oberflächentemperatur, Vibrationen, Luftdruck, Schallintensität und – unter Verwendung der von den Sensoren verwendeten KI – zum Fußgänger- und Fahrzeugverkehr. Das Netzwerk soll nicht nur der Stadt dabei helfen, ihre Stadtplanungs- und Nachhaltigkeitsziele zu verfolgen, sondern auch die Lebensqualität für Einwohner und Gemeinden verbessern.

„Wenn das Projekt in fünf Jahren erfolgreich ist, werden diese Daten und die Anwendungen und Instrumente, die aus diesem Projekt entstehen, ein fester Bestandteil im Leben der Einwohner sein. Es wird die Art und Weise beeinflussen, wie die Stadt neue Services und Richtlinien schafft“, erklärt die ehemalige CIO von Chicago, Brenna Berman, als die ersten Knotenpunkte (wie die Sensoreinheiten genannt werden) im Jahr 2016 in Betrieb genommen wurden. „Das Ganze wird als Teil der Versorgungsinfrastruktur betrachtet werden – so wie Straßenbeleuchtung und Busse. Sie helfen uns und erleichtern uns das Leben in der Stadt.“

Im AoT-Team zeigt sich das Potenzial für eine umfassende Zusammenarbeit. Forscher des Argonne National Laboratory und der Universität von Chicago entwickeln zusammen mit Partnern aus anderen Hochschulen auf der ganzen Welt die Waggle Platform (benannt nach dem Tanz, den die Honigbienen ausführen, um den Mitgliedern ihres Bienenstocks den Standort der Nahrungsquellen mitzuteilen). Sie erhalten zudem Unterstützung von wichtigen Technologieunternehmen, wie Microsoft, Cisco, Intel, Schneider Electric und Motorola Solutions. Das Verkehrsministerium von Chicago ist verantwortlich für die Installation der Knotenpunkte an Laternenpfählen in der ganzen Stadt und die Verwaltung des Datenportals, worüber die AoT-Daten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Ministerium für Innovation und Technologie verwaltet ein Datenportal, über das die verfügbaren AoT-Daten mit anderen Daten aus Chicago integriert werden, damit diese von der Öffentlichkeit genutzt werden können.

Einige der ersten Knotenpunkte wurden im Chicagoer Stadtteil Pilsen installiert, wo Asthma verstärkt verbreitet ist. Hier hat eine Gesundheitsklinik vor Ort die Erhebung von Daten gefordert. Private Unternehmen und gemeinnützige Organisationen beabsichtigen, die Daten für die Entwicklung innovativer Anwendungen zu nutzen, z. B. für eine mobile App, mit der die Anwohner die Belastung durch bestimmte Schadstoffe in der Luft verfolgen oder durch die Stadt navigieren und dabei Stadtviertel mit übermäßigem Verkehrsaufkommen und Lärm meiden oder eine Strecke wählen können, die durch viele Grünflächen führt. Im Jahr 2018 wurde im Rahmen des Projekts eine API für den Datenzugriff sowie Tutorials und Dokumentationen veröffentlicht. Entwickler können diese nutzen, um die von AoT in nahezu Echtzeit gesammelten Daten in ihre Anwendungen zu integrieren. Die Stadt plant, die Daten mit anderen öffentlichen Datensätzen zu integrieren und die Schnittstelle für verschiedene Zielgruppen, von Wissenschaftlern über App-Entwickler bis hin zur allgemeinen Öffentlichkeit, zugänglich zu machen und zu optimieren.

Es wurden bislang über 100 AoT-Knoten installiert. Bis Ende Sommer 2019 war geplant, die Gesamtzahl auf 200 zu erhöhen. Die Projektleiter haben Treffen und Workshops organisiert, bei denen Beziehungen zu den Einwohnern aufgebaut und die Prioritäten der Gemeinden ermittelt wurden, die sich von Stadtviertel zu Stadtviertel unterscheiden. Zudem können Anwohner und Gemeindegruppen über die Projektwebsite beantragen, dass Knotenpunkte an einem bestimmten Ort installiert werden.

Vier Schritte nach vorn

Plattformen für intelligente Städte sind ein Mittel zum Zweck, aber nicht das Ziel. Sie stellen einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise dar, wie Städte die wichtigsten Bedürfnisse ihrer Bürger lösen könnten, indem sie sie – und die Unternehmen und Forscher, die diese Bedürfnisse ermitteln können – durch den Austausch von Daten und Informationen zusammenbringen.

Es wird Jahre dauern, bis sich eine übergreifende, vollständig vernetzte und von allen Beteiligten angenommene Plattform entwickelt hat. Dabei müssen die Städte einen iterativen Ansatz verfolgen. „In unserem Fall verfolgen wir einen Bottom-up-Ansatz, indem wir aktuelle Anwendungsfälle in der Stadt integrieren“, so Harald Wouters. Es gibt verschiedene Maßnahmen, die die Stadtverwaltung jetzt ergreifen kann, um einen intelligenten Weg in diese plattformbasierte, bürgernahe Zukunft zu gehen:

  • Präsentieren Sie nicht vorschnell Lösungen, sondern denken Sie über die Probleme nach. „Finden Sie heraus, welches Problem Sie lösen wollen oder welche Informationen Sie benötigen“, rät Talbott. Keine Stadt gleicht der anderen. In Barcelona zum Beispiel haben Mobilität, Wasserverbrauch und Bildung höchste Priorität. In Madrid, drei Zugstunden westlich von Barcelona, ist die globale Erwärmung für die Bürger am wichtigsten, erklärt Caballero.
  • Sammeln Sie bereits vorhandene Daten. Wenn Sie die Probleme, die Sie lösen müssen, nach Priorität geordnet haben, suchen Sie nach relevanten Daten, die die Stadt bereits hat. „Die Städte verfügen über Petabytes von Daten, die regelmäßig erfasst werden“, so Talbott. Sie können vorhandene Informationen kombinieren und analysieren und auf deren Grundlage neue Lösungen finden.
  • Schaffen Sie Koalitionen mit der Privatwirtschaft und Hochschulen. Es wird ein enormes kommerzielles Interesse an der Monetarisierung künftiger Lösungen für Städte geben. Um die Lebensqualität und die Interessen ihrer Einwohner zu schützen, muss die Stadtverwaltung proaktiv Partnerschaften eingehen, die bürgerorientierte Lösungen unterstützen.
  • Definieren Sie digitale Richtlinien oder Rechte. Technologien entwickeln sich im rasanten Tempo weiter, und die derzeitigen Gesetze zum Datenschutz und zur Datennutzung berücksichtigen nicht immer die Bedenken der Bürger. Die Städte müssen eine Reihe digitaler Prinzipien definieren und deutlich machen, welche Gegenleistungen sie den Bürgern für ihren digitalen Beitrag zum Leben in der Stadt, zur Planung und zur Problemlösung bieten. Im November 2018 haben New York City, Amsterdam und Barcelona gemeinsam die Cities Coalition for Digital Rights ins Leben gerufen, um Richtlinien, Instrumente und Ressourcen zur Förderung und zum Schutz personenbezogener Daten zu schaffen.
„Die Verantwortlichen müssen den Menschen, die sich an der Lösung beteiligen – Hochschulen, Think Tanks – ins Bewusstsein rufen, sich auf die Lösung dieser Probleme zu konzentrieren. Außerdem muss ihnen klar sein, dass wir erst experimentieren müssen, um herauszufinden, wie die Zukunft aussehen sollte“, erklärt Talbott. „Die Städte können sich nicht einfach zurücklehnen und allen Risiken aus dem Weg gehen. Das wäre quasi eine Garantie dafür, es falsch zu machen.“

Auf dem Weg in eine intelligentere Zukunft

Bis zum Jahr 2050 werden 68 % der Weltbevölkerung in Städten leben, so die Prognosen der Vereinten Nationen im Jahr 2018. Die Herausforderungen in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung, Integration und Inklusion, Sicherheit, Nachhaltigkeit, Infrastruktur, Mobilität, Wohnen und Lebensqualität werden mit dem Wachstum der städtischen Gebiete weiter zunehmen. Die Städte müssen intelligentere Ansätze verfolgen, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Tun sie dies nicht, werden sie wirtschaftlich nicht weiter wachsen. Und wenn Städte nicht wachsen, ziehen die Menschen weg, und die Städte verlieren ihre Bedeutung.

Die bekannte Journalistin und Verfechterin der Stadtplanung Jane Jacobs ist der Meinung: „Städte können für jeden etwas bieten, aber nur dann, wenn sich auch alle an ihrer Entwicklung beteiligen.“ Die getroffenen Maßnahmen für die Schaffung intelligenter Städte haben den Bürgern und der Stadtverwaltung die Augen dafür geöffnet, wie dies im digitalen Zeitalter möglich sein könnte.

Neue Funktionen wie KI, Big-Data-Analyselösungen und IoT-Technologien wurden mit dem Versprechen entwickelt, die Gemeinden bei der Lösung vieler ihrer größten Probleme zu unterstützen. Dieselben Technologien können auch eingesetzt werden, damit die Einwohner an der Dynamik der Abläufe und Entscheidungsfindung in Städten teilhaben können. Die Zukunft wird jenen Städten gehören, die ihre Bürger in den Mittelpunkt dieser neuen urbanen Welt stellen.

Die Autoren

Michael Rander
ist Marketing Director und Lead Analyst beim SAP Center for Business Insight.
Stephanie Overby
ist freiberufliche Autorin und Redakteurin und befasst sich in erster Linie mit der Schnittstelle zwischen Business und Technologie.
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